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To pull oneself over a fence by one’s bootstraps“ heißt, sich an den eigenen Schnürsenkeln über einen Zaun zu ziehen. Dieses Idiom ist der Background für den Begriff „Bootstrapping“, der längst Einzug in unseren Sprachgebrauch gefunden hat. In der Informatik bezeichnet er zum Beispiel einen Prozess, bei dem ein kompliziertes System aus einem einfacheren heraus aktiviert wird. Bei Startups heißt es schlicht, dass ein Unternehmen aus dem Betrieb heraus startet und sofort loslegt mit der Produktion oder Dienstleistung. Für gewöhnlich streben junge Unternehmen zuerst eine ausreichende Finanzierung an um die nötigen Rücklagen für den Geschäftserfolg zu haben. Hier geht es also um die Frage: Startet man mit Vorräten – oder mit Hunger?

Unsere Geschichte zeigt, dass Startups nicht immer Investoren oder Kapital brauchen um den Start zu schaffen. Unternehmensgründung à la Bootstrapping gelingt, wenn das entscheidende Produktionsmittel das Know-how und die Expertise der Mitarbeiter ist. Für uns waren dabei drei Aspekte wichtig: Sparsamkeit, Agilität – und vor allem Marktnähe.

Der Workspace in der Frankfurter Agentur VIER FÜR TEXAS, in den wir schon im Dezember 2011 an unserem neuen Standort eingezogen sind, hat dabei geholfen: Wie in Berlin bezahlen wir auch dort die Miete mit Leistungen, die wir unproblematisch verkaufen können. Zudem profitieren wir von den Kompetenzen der anderen Companys im Großraumbüro, wo Ressourcen unkompliziert über Kooperationen zur Verfügung gestellt werden. Ein weiterer Vorteil: Wir haben sehr schnell unser Geschäft in Gang gebracht und Geld verdient. Im März 2012 ging die GuideWriters-App (www.guidewriters.com) live, jetzt, ein Jahr später, haben wir die schwarze Null geschafft. Das Geschäft ist profitabel und ernährt seine Macher. Schon nach einem halben Jahr, im Oktober 2012, bot unsere App bereits eine schöne Auswahl an Guides und wir konnten unseren ersten größeren Messeauftritt auf der Frankfurter Buchmesse aus dem Cash-Flow bezahlen. Ein wichtiger Schritt – und eine gute Erfahrung zugleich. Verlage wie Reise Know-How und Kunth wurden hier endgültig davon überzeugt, Ihre Inhalte auf unserer Plattform zu veröffentlichen.

Genau dieser schnelle Start lieferte uns auch die entscheidenden Erfahrungen, um unser Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Mit der GuideWriters-App haben wir einen offenen Marktplatz geschaffen, der funktional ausreichend, aber nicht unnötig aufgeblasen ist: Autoren, Verlage und User haben das Angebot genutzt – und wir haben beobachtet und gelernt, was gefragt ist – und was nicht.  Das hat uns dabei geholfen, weitere Produkte zu entwickeln, die von der Industrie nachgefragt werden. Etwa die White-Label-Lösung für Apps, die auf Listen basieren: Eine technische Lösung, die für verschiedenste Anwendungen einsetzbar ist.

Bootstrapping zahlt sich also aus. Wer keine großen Anfangs-Investitionen braucht, profitiert letztlich davon, dass er sehr schnell sein Geschäft zum Laufen bringt, Geld verdient und Erfahrungen sammelt. Eine gute Voraussetzung, um dann möglicherweise im zweiten Schritt eine Finanzierungsrunde nach dem Proof of Concept einzugehen.

Eine wichtige Voraussetzung für dieses Vorgehen: Man muss Kooperationspartner finden, um Ressourcen zu sparen. Und: zuhören und zuschauen, um das Geschäftsmodell an den Bedürfnissen der Nutzer und Kunden auszurichten – schlicht und einfach, weil die Ressourcenknappheit einen dazu zwingt. Wer den Marktdruck aufnimmt und produktiv verwandelt, kann das Unmögliche schaffen. Wie bei Münchhausen, der sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat – die deutsche Version des Bootstrapping.